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Der aus Kohlstetten stammende Journalist Benjamin Dürr am Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag
Journalismus: Zwischen Recht und Versöhnung
Von Christine Dewald
ENGSTINGEN. In einem Gerichtssaal zwischen Neonröhren und poliertem Parkett sind die in einem afrikanischen Dorf durchlittenen Gräuel unvorstellbar weit weg. Für Benjamin Dürr aus Kohl-stetten, der als Journalist regelmäßig über den Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag berichtet, ist das eine der Herausforderungen seines Berufs. Eine andere ist, dass die spektakuläre Arbeit der Wächter der Menschlichkeit manchmal recht unspektakulär daherkommt: Kriegsverbrechen aufzuarbeiten, ist oft weniger ein glühender Kampf für die Gerechtigkeit als vielmehr ein zähes, bürokratisch anmutendes Ringen um Formulierungen.

Benjamin Dürr im Interview mit der Chefanklägerin am Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag, Fatou Bensouda. FOTO: PR
Auch und gerade diese Aspekte – die Zwischentöne – interessieren Benjamin Dürr. So wie ganz grundsätzlich die Frage, wie es gelingen kann, in einer vom Krieg zerrissenen Gesellschaft wieder Frieden zu stiften. Wie frühere Feinde dazu gebracht werden können, wieder zusammenzuleben. Ob Wiedergutmachung und Verzeihen überhaupt möglich sind.

In der Welthauptstadt des Rechts
Diese Interessen haben den 26-Jährigen nach Den Haag geführt, in die »Welthauptstadt für Frieden und Recht«. Dort arbeitet mit dem Internationalen Strafgerichtshof das einzige permanente Organ, das Kriegsverbrechen, Völkermord und Verbrechen gegen die Menschlichkeit ahnden kann. Jedenfalls in den bislang 122 Ländern, die das Rom-Statut unterzeichnet und damit dem Geltungsbereich des Strafgerichtshofs beigetreten sind.

Das sind längst nicht alle. »Die größten und einflussreichsten Länder der Welt sind nicht dabei: die USA, China, Russland, Indien«, berichtet Dürr. Das hat dazu geführt, dass der Internationale Strafgerichtshof, seit er 2002 die Arbeit aufgenommen hat, ausschließlich Fälle aus Afrika verhandelte. »Das schadet dem Ruf des Gerichts«, bedauert der Journalist: »Es wird als neokolonialistisch bezeichnet: Weiße richten über Schwarze.«


Mitarbeiter beim GEA
Für Benjamin Dürr passt der unfreiwillige Schwerpunkt des internationalen Gerichts allerdings zu seinem zweiten großen Thema: Afrika. Mehrere Länder des Kontinents hat er während ausgedehnter journalistischer Reisen kennengelernt. In Kenia zum Beispiel hat er die Tatorte besucht, an denen die angeklagten Kriegsverbrechen begangen wurden. »Das gibt mir eine ganz andere Perspektive auf den Prozess.«

Journalismus und Afrika: Beides begleitet Benjamin Dürr bereits seit seiner Schulzeit. Als Schülersprecher im Gymnasium Münsingen hat er sich für die Kenia-Hilfe engagiert. Als langjähriger freier Mitarbeiter des Reutlinger General-Anzeigers sammelte er von Jugend an journalistische Erfahrungen. Nach dem Abitur studierte der Pfarrerssohn aus Kohlstetten in den Niederlanden Internationale Beziehungen. Auf den Bachelor hat er jetzt noch einen Master draufgesetzt: einen von einer UN-Organisation in Turin angebotenen mehrmonatigen Studiengang im Völkerstrafrecht.

Dieser Hintergrund ist ein gutes Rüstzeug, um die Arbeit des Internationalen Strafgerichtshofs begleiten und bewerten zu können. Hinter der schusssicheren Glaswand sitzen oft zahlreiche Beobachter, zum Beispiel von Menschenrechtsorganisationen wie Amnesty International, aber meist nur wenige Journalisten. Beobachter wie Berichterstatter müssen einen langen Atem mitbringen. »Es kann eine Woche dauern, bis ein einziger Zeuge durch ist«, sagt Benjamin Dürr. Zum Schutz der Menschen, die gegen Kriegsverbrecher aussagen, fällt hinter der Glaswand immer wieder der Rollladen, wird die Öffentlichkeit ausgeschlossen.

Mit der juristischen Behandlung und Ahndung von Kriegsverbrechen leistet der Internationale Strafgerichtshof immer noch Pionierarbeit. Entsprechend vorsichtig und Schritt für Schritt tasten sich die Richter vor. »Seit seinem Bestehen hat das Gericht erst drei Urteile gefällt, darunter war ein Freispruch«, berichtet Dürr. Noch fehlten auch die Erfahrungen, was Urteile in Den Haag überhaupt bewirken können: »Allerdings scheint nach dem Urteil über Kindersoldaten ihre Zahl im Kongo-Konflikt zurückzugehen.«

Was in Den Haag verhandelt und entschieden wird, wird in vielen Ländern der Welt gespannt verfolgt. Benjamin Dürr berichtet regelmäßig für eine Nachrichtenagentur, für Spiegel und Spiegel online und für die englischsprachige Ausgabe des arabischen Nachrichtensender Al Jazeera, den er – gerade was die Berichterstattung aus Entwicklungs- und Schwellenländer angeht – für »eine der detailliertesten und ausgewogensten Nachrichtenquellen« hält. Weil er seit Jahren in den Niederlanden lebt, schreibt Benjamin Dürr auch immer wieder für holländische Zeitungen oder berichtet in deutschen Medien über Themen aus dem kleinen Nachbarland.

Den Haag als weltoffene, gleichwohl überschaubare Großstadt wird in nächster Zeit sein Zuhause bleiben. Dem Strafgerichtshof und damit auch dem Reporter gehen die Themen nicht aus: Fälle in Afghanistan oder Kolumbien werden untersucht, aktuell hat Palästina angekündigt, sich um den Beitritt zum Internationalen Gericht zu bemühen. Seit Längerem versucht Benjamin Dürr auch, eine Besuchserlaubnis für das Gefängnis zu bekommen, in dem die vor dem Internationalen Strafgerichtshof Angeklagten inhaftiert sind. Auch hier sind Fingerspitzengefühl und Gespür für die Zwischentöne gefragt: »Einer der Angeklagten kocht gern, ein anderer ist ein leidenschaftlicher Bäcker. Es sind nicht nur Kriegsverbrecher, sondern ganz normale Menschen.« (GEA)

1. Kohlstetter G´spräch